Heinz Schütz:
(Mediale) Fotos malen – Ein
Panoptikum der Macht und Ohnmacht
Die Bilder, die Anton Petz malt, basieren auf fotografischen Vorlagen,
die meist als Medienbilder zirkulieren. Von hierher liegt es nahe seine
Bilder unter dem Gesichtspunkt der malerischen Transformation zu
betrachten: 1. Wie funktionieren mediale Bilder und Fotos? 2. Was
geschieht, wenn sie Petz in Malerei übersetzt? Worauf lenkt er die
Aufmerksamkeit?
1.
Malerei wird gewöhnlich mit dem Künstler als dem
produzierenden und sich veräußernden Subjekt in Verbindung
gebracht, Fotos hingegen scheinen aufgrund der sie generierenden
Abbildungsapparatur physikalistisch objektiv die Außenwelt
darzustellen. Diese strikte Unterscheidung verkennt, dass der
Fotoapparat nicht nur das Fotografierte, sondern auch den Blick des
Fotografen dokumentiert, dass die Malerei im 20. Jahrhundert das
Subjektive gezielt transzendiert, und, dass durchaus eine
Wechselbeziehung zwischen Malerei und Fotografie besteht. Trotzdem
prägt die Unterscheidung Subjekt orientierte Malerei versus Objekt
orientierte Fotografie bis heute die Wahrnehmung der beiden Bereiche.
Es ist so, als ob der Malerei ein Referenzfaktor innewohnt, der
über das Gemalte hinaus auf den Maler verweist, während sich
die Fotografie, als Lichtabdruck des Realen, unmittelbar auf das
Abgebildete bezieht. Die nahezu fetischisierende Insistenz der
fotografischen Referenz überlagert die Tatsache, dass Fotos
subjektiv, manipulierbar und inzwischen auch mit digitalen Verfahren
vollständig simulierbar sind. Das bedeutet, im Extremfall
referieren sie auf ein Abgebildetes, das außerhalb des Fotos nie
existierte. Auch die in den Medien kursierenden Fotos gerieren sich so,
als ob es um ein außerhalb Liegendes ginge, doch letztlich
münden sie in die reine Selbstbezüglichkeit und
Selbsterregung des Mediums. Die medialen Fotos lagern sich nicht nur
über das Reale, die Realität des medialen Bildes tritt an
dessen Stelle. Um medial, sprich: öffentlich zu existieren, wird
das Reale zugerichtet, inszeniert und überhaupt erst erzeugt.
Das mediale Foto konstruiert, enthüllt und verdeckt. Die Aufnahmen
etwa, die us-amerikanische Soldaten bei Razzien im Irak zeigen,
dokumentieren – offiziell genehmigt – mit welcher
Rücksichtslosigkeit und Brutalität in die Wohnungen der
Iraker eingedrungen wird. Was das Dokumentierte verdeckt, ist die
allenfalls erahnbare Brutalität, die dann herrscht, wenn keine
Kamera läuft. Die Demütigung von irakischen Gefangenen auf
den Fotos von Abu Ghraib erfolgt im Dienst der fotografischen
Inszenierung von Dominanz qua theatral arrangierter Unterwerfung und
Folter. Die reale Erniedrigung geschieht hier zum Zweck ihrer
inszenierten Steigerung auf der Bühne der Symbole. Das Inszenierte
und das Symbolische wiederum entsprechen der Ebene, auf der die Medien
optimal funktionieren und wahrgenommen werden. Sobald die Bilder medial
zirkulieren, entwickeln sie sich zum selbstreferenziellen Erreger, der
für kurze Zeit die Medien erhitzt, um dann rasch verglühend
vom nächsten Skandalon abgelöst zu werden.
Welche Form die selbstreferenzielle Erregung annimmt, wird besonders
deutlich bei Nachrichtensendungen und Lifedokumentationen, für die
grundsätzlich gilt: Kein gesprochener Text ohne illustrierendes
Bild. Nachrichten über die industrielle Produktion werden mit
Bildern von Fließbändern unterlegt, Nachrichten über
die medizinische Versorgung mit Ärzten im Sprechzimmer, mit
operierenden Händen in geöffneten Leibern oder
Reagenzgläsern in Labors. Der dokumentarische Wert der Bilder hebt
sich auf. Zwischen Text und Bild entsteht eine Art closed circuit, der
den Betrachtet absorbiert und kritische Distanznahme
verunmöglicht. Die permanente Wiederholung derselben oder
äußerst ähnlicher Bilder macht sie zu hochpolitischen
Ikonen eines medialen Bildlexikons, zu pikturalen Propositionen, deren
Bedeutung bei zunehmendem Referenzverlust wie in einer
Gehirnwäsche ständig repetiert und bestätigt wird.
2.
In seiner jüngsten Malerei wendet sich Anton Petz Ikonen des
medialen Bildlexikons zu. Er greift Bilder auf, die in Zeitungen,
Illustrierten, Magazinen, im Fernsehen oder im Internet, ihre mediale
Omnipräsenz entfalten. Die Bildauswahl, die Petz trifft,
eröffnet einen Horizont, in dem sich zentrale Kräfte der
globalisierten Gesellschaft spiegeln, unter ihnen, als
ökonomischer Fluchtpunkt, die Börse.
Ganz im Gegensatz zum postmodernen Glaubensbekenntnis mit seiner
Verkündigung des Endes aller Ideologien, hat sich in den letzten
Jahrzehnten das neoliberale Ideologem durchgesetzt. Es erklärt die
Ökonomie, sprich: die Logik der Börse, zum obersten Prinzip.
Ihren unmittelbaren medialen Ausdruck findet diese Entwicklung, wenn
etwa in den Fernsehnachrichten so, als sei es natürlich und nie
anders gewesen, neben den Wetter- der Börsenbericht getreten ist.
Abgesehen von lokalen Börsenbildern im regionalen Kontext, haben
sich insbesondere die Bilder der New Yorker Börse in das mediale
Bildlexikon eingeschrieben. Die zirkulierenden Bilder, die häufig
aus derselben Kameraperspektive aufgenommen wurden, erscheinen, selbst
wenn sie zu verschiedenen Zeit fotografiert wurden, – durchaus im
Sinne der selbstreferentiellen piktorialen Propositionen –
austauschbar.
Petz malt eine ganze Serie von Bildern der New Yorker Börse nach
den in den Medien zirkulierenden Fotos. Er abstrahiert das Dargestellte
soweit, dass, ganz im Sinne der zeitlichen Austauschbarkeit, weder der
Stand der Börsenkurse erkennbar ist, noch die Gesichter der
Börsianer identifizierbar sind. Körperhaltungen und Gesten
hingegen gibt er durchaus präzise wieder. So entstehen
Börsenbilder von betont lässig und doch angespannt
herumstehenden Gruppen und Einzelfiguren, von Männeransammlungen,
die dominiert werden von den über ihren Köpfen hängenden
Bildschirmen.
Als Gegenbild zur Börsenmalerei fungiert gewissermaßen
Petz´ Rekurs auf die in den letzten Jahren immer häufiger
anzutreffenden Bilder von völlig überbesetzten Booten und
Schiffen, auf deren Decks sich Menschen dicht an dicht drängen.
Die Expansion der Märkte ist das entscheidende Movens, das die
Globalisierung vorantreibt. Die Freizügigkeit des Kapitals
allerdings geht keineswegs mit menschlicher Freizügigkeit und
globaler Wahl des Wohn- und Arbeitsortes einher. Und so antwortet auf
die globalisierte Wirtschaft der Strom der illegalen Emigranten, die
aus den armen Ländern in die reichen Ländern drängen und
dabei, aufgrund der Transportbedingungen und Abwehrmaßen der
Wohlstandsländer, immer wieder ihr Leben riskieren.
Das Panoptikum gesellschaftlicher Macht und Ohnmacht, das Petz zwischen
den Polen Börsenalltag und Flüchtlingstransport aufspannt,
erweitert er zum einen um Bilder des UN-Sicherheitsrates, eine einst
hoffnungsvolle Institution, die zumal in jüngster Zeit, von
partikularen, imperialen Interessen auf beschämende Weise
unterlaufen wurde, zum anderen um Bilder von Demonstrationen, die auf
der Straße eine Gegenöffentlichkeit zur sanktionierten Macht
herzustellen bemüht sind. Als Verweis auf den hedonistischen
Zeitgeist, der das Wort „fun“ bis zur Bewusstlosigkeit vor sich
herträgt, kann das Gemälde “big party“ gelesen werden.
„Große Andacht“ greift die neureligiösen Tendenzen der
letzten Jahre auf. Bilder wie „Betrachter“ oder „Vernissage“ bringen
den Kunst- und Ausstellungsbetrieb ins Spiel, wobei sich von der
Vernissage durchaus eine Brücke zu „big party“ und „Börse“
schlagen lässt, liefern Vernissagen doch den Anlass für
Miniaturpartys, während sie Kunst nicht zuletzt als Ware und
potentielles Spekulationsobjekt zum Kauf anbieten.
Wenn auch nicht alle Bilder, die Petz in jüngerer Zeit malt, auf
Medienfotos basieren, so liegen ihnen immer Fotos zugrunde. In
Abgrenzung zu historischen Positionen wird Petz´ Ansatz deutlich:
In der Geschichte der Malerei, übernimmt das Foto häufig die
Rolle einer Skizze, es funktioniert als erster Entwurf oder
Erinnerungshilfe, die es erleichtert, ein Motiv ohne direkten
Augenschein wiederzugeben. Unmittelbar thematisch wird das
Verhältnis von Foto und Malerei im Fotorealismus der 60er/70er
Jahre, wobei der Fotorealismus in seinen konzeptuellen
Ausprägungen etwa bei Chuck Close trotz realistischer Darstellung
zur radikal abstrakten Malerei wird. In der Pop Art Warholscher
Prägung werden die als Siebdruck reproduzierten medialen Bilder
als Teil der Images produzierenden Konsumindustrie zum Thema.
Für Petz fungiert das Foto weder als Skizze oder Erinnerungshilfe
im klassischen Sinn, noch verfolgt er in der malerischen Aneignung der
Fotos konzeptuelle Absichten. Es geht ihm weder um die Entdeckung des
„Malerischen“ eines Ortes oder die individuelle Darstellung einer
Person, noch primär um die ausschließlich mediale Reflexion.
Seine Bilder zielen auf eine gesellschaftliche Bedeutungsebene, die in
den medialen Bildern in einem doppelten Sinne immer schon transportiert
wird. Zum einen sind die in den Medien zirkulierenden Fotos, zumal als
Nachrichtenillustration, Teil des Medienmechanismus der Bedeutungen und
Weltbilder generiert, zum anderen sind sie bereits so ausgewählt
und aufgenommen, dass sie gesellschaftliche Ereignisse fotografisch auf
den ikonologischen Punkt bringen. Insofern Petz auf bekannte mediale
Bilder zurückgreift eignet ihnen ein Widererkennungseffekt. Da
Petz immer die Kameraperspektive mitmalt, bleiben seine Bilder
letztlich auch als gemalte Fotos erkennbar. Was geschieht, wenn Petz
die medialen Fotos in Malerei übersetzt?
Wie festgestellt wurde, werden Fotos mit dem Blick auf die
abgebildete Wirklichkeit wahrgenommen und sie geben sich, sobald sie in
den Medien zirkulieren, der medialen Selbsterregung hin. Die
Übersetzung der Fotos in Malerei hebt sie heraus, macht sie auf
neue Weise wahrnehmbar und bringt sie mit der Malerei als Gattung und
dem diagnostizierten Subjektbezug in Verbindung. Als Malerei werden die
in den Medien mit hoher Geschwindigkeit rotierenden Bilder zum
Stillstand gebracht. Ihr massenhaft Reproduktives wird
überführt in die Singularität des einzelnen Bildes.
Dabei erhält das Foto einen Farbkörper, dem der Betrachter
nun gegenübersteht. – Die größeren Formate von Petz
messen in der Länge gewöhnlich um die zwei Meter. –
Verglichen mit seiner medialen Präsenz entwickelt sich das Foto
zum an die Wand gehängten „Denkmal“. – Der mediale Exzess
hangelt sich von Moment zu Moment. Er kennt nur die Gegenwart, er kennt
keine Vergangenheit oder Zukunft, sondern nur den Closed Circuit der
aufeinander verweisenden Texte und Bilder. – Was im medialen
Zusammenhang als nicht mehr wahrgenommen Gewohnheit verschwindet, wird
durch die Hängung der Bilder auf nahezu ironische Weise bewusst:
Der Aufprall des Heterogenen und Widersprüchlichen. Es tritt
insbesondere hervor dadurch, dass Petz Bilder nebeneinander hängt,
die auf der Ebene der Farbe und Komposition formal ähnlich sind,
aber inhaltlich völlig verschieden. So kombiniert er etwa das rote
Partybild mit dem roten Bild der Gefangenen aus Guantánamo, das
UN-Bild mit ovalem Tisch vereint er mit dem Bild, auf dem Menschen um
einen ovalen Brunnen nach Wasser Schlange stehen.
Sobald die Fotos zu Malerei werden, evozieren sie die Tradition und die
Ikonologie der Malerei. Sie reicht, was die Boots- und
Schiffsdarstellungen anbelangt, hinein in die Schiffs- und
Schiffsbruchikonologie. „big Party“ mit seiner in glühende
Farbigkeit getauchte Menschenballung lässt an
Höllenstürze denken, aber auch an Immendorfs „Café
Deutschland“. Die exotisch verhüllten Gestalten auf dem Bild
„Lager“ könnte man auf den ersten Blick mit den im 19. Jahrhundert
zelebrierten Orientalismus-Idyllen in Verbindung, bringen, stünde
dem nicht das Wissen um die Lagerrealität entgegen.
Als Malerei verweisen die Bilder auf das Künstlersubjekt, zumal
dann, wenn sie, wie bei Anton Petz, die Tatsache des Gemaltseins nicht
kaschieren, sondern Malspuren und Farbauftrag deutlich hervortreten
lassen. Dabei nun ergibt sich etwa in „großes Warten“ ein
spezifische Spannung zwischen dem expressiv-ästhetischen Malduktus
und dem politischen Skandalon des Dargestellten. Zum einen stellt Petz
die dominierenden Rot-Grün-Kontraste in den Dienst der Abbildung –
die Gefangenen von Guantánamo wurden mit leuchtend roten
Overalls ihrer Individualität beraubt –, gleichzeitig dient die
Szene dem malerisch-expressiven Farbspiel.
Der gestische Duktus von Petz´ Malerei weist auf das
scheinbar intakte Künstlersubjekt. Die in seinen Bildern meist in
Gruppen oder größeren Ansammlungen auftauchenden Menschen
hingegen sind weitgehend entindividualisiert und ohne erkennbare
Gesichter anonymisiert. Nahezu alle Bilder sind aus einer
Künstler-Kamera-Perspektive schräg von oben gemalt. Das
solchermaßen inthronisierte Subjekt, dessen Blickwinkel der
Bildbetrachter übernimmt, schaut aus quasi göttlicher
Perspektive auf die Ameisenmenschen, die auf der Schräge der
Bildoberfläche balancieren. In „Sommerregen“, dem wohl heitersten
Bild der letzten Zeit, richten sie ihre Köpfe, einzeln oder
paarweise unter bunten Regenschirmen versammelt, wie um den Blick zu
erwidern, in die undefinierte Leere nach oben.